Polyp mit Kontaktulkus am Stimmband

Patient, 35 Jahre

 

Diagnose: Polyp mit Kontaktulkus am Stimmband
Stephan Thalassinos, Dr. med. Gerhard Roeber


1.1 Behandlungsdauer:
Januar bis Oktober 1997. 13 Einheiten à 30 Minuten


2.1 Ersteindruck:
Der Patient ist ca. 1,90 m gross, schlank, hat Haare im "Che-Guevara"-Schnitt und ist gepflegt gekleidet. Er kenne diese Art von Therapie nicht, aber sein Arzt habe es ihm angeraten, und so habe er sich entschlossen, es zu versuchen.


2.2 Biographische und medizinische Aspekte:
Patient 35 Jahre alt, glücklich verheiratet, ohne Kinder. Er arbeitet als Architekt in einer Architektengemeinschaft und hat z.Zt. der Behandlung nur wenig Aufträge.
Diagnose: (Mai 1996) Polyp mit Kontaktulkus am Stimmband, also Verhärtungserscheinungen, die ihn sehr unangenehm beim Sprechen störten. Nach einer operativen Entfernung bildeten sich diese in kürzester Zeit wieder nach. Prognose: Operativ nicht zu bessern. Nach Auskunft des behandelnden Spezialarztes müsse mit jahrelangem Weiterbestehen des Kontaktulkus gerechnet werden. Als Begleitsymptome: Heiserkeit und seelische Befangenheit in Gesprächssituationen. Der Patient leidet zudem an Diabetes mellitus und spritzt Insulin.

 

2.3 Sprachtherapeutische Diagnose:
Haltung:
Die Haltung wirkt gestaut im Kehlkopf-Schlüsselbein-Bereich, der Kopf ist leicht nach hinten verlagert, dadurch das Kinn etwas vorstehend, die Schultern leicht nach vorn zusammengezogen. Polar dazu erscheinen die Gliedmassen lose, ganz locker und ungeführt.
Atem:
Der Patient spricht, als ob er den Atem dabei anhalten würde.
Stimme:
Sonor, ganz hinten wie im Kehlkopf "steckend".
Artikulation:
Die Artikulation ist an keinem der Ansatzorte in irgendeiner Weise geformt. Dadurch entsteht ein rein vokalischer, sonorer Klangeindruck.
Denken:
Herr A. zeigt eine klare, schlichte Ausdrucksweise.

3.1 Therapieziel:
Kurzfristig:
Hervorlocken der Stimme von hinten nach vorn.
Aktivierung der Ausatmung beim Sprechen.
Harmonisches Ergreifen der Gliedmassen.
Stütze in der Artikulation.
Mittelfristig:
Durch regelmässiges Üben eine dementsprechende Entlastung der Stimmbänder
Langfristig:
Stabilisierung dieses "entlasteten" Sprechens bis in die Alltagssprache hinein.

 

3.2 Therapieverlauf:
Verdeutlichung der Therapiemittel:
Voraussetzung: Der Patient will selber üben. Er kann nur alle 2 Wochen kommen, ist für die Therapie jeweils insgesamt 5 Stunden unterwegs. Durch beruflich bedingte Verschiebungen ergab sich eine Spanne von 2-4 Wochen zwischen den einzelnen Therapieeinheiten.
1. Als grundlegende Übung Hexameter im Laufen mit herabführender Armbewegung (Ansatz bei neurasthenischer Konstitution). Ergreifung der Gliedmassen durch das Sprechen; Aktivierung der Ausatmung.
2. Pfiffig pfeifen ... a) mit der Fussspitze auf jedes "pf"; b) mit einer Armgebärde. Dieses sollte kräftig geübt werden, was der Patient auch sehr intensiv tat. Zum Ausgleich übte er es dann ab der darauffolgenden Stunde zusätzlich noch "fein". Wir begannen mit dem ersten Teil der Übung und erweiterten das im Verlauf der weiteren Arbeit um den 2. und 3. Teil. Die Konzentration auf das "pf" in der Übung ermöglichte zusätzliche Aktivität im vorderen (Lippen) Ansatz.
3. Wuchtig wogt Wirbelwind... (mit Ball nach unten prellen). Zur Unterstützung des kräftigen Lippenansatzes und zur Aktivierung der Ausatmung.
4. Im zweiten Teil der Therapieeinheit machten wir gemeinsam noch verschiedene Übungen zum umfassenderen Ergreifen der Lautansätze.
Therapeutischer Prozess:
Zunächst den Lippenansatz aktiv ergreifen und darauf aufbauend den Zahn-/Zungenansatz, und schliesslich auch den Gaumenansatz. Dabei eine Aktivierung des Ausatmens im Sprechen und geführte unterstützende Bewegungen der Gliedmassen.
Der Patient übte regelmässig, fleissig und konsequent. Er entwickelte in einem bestimmten Zeitpunkt des Therapieverlaufes auch eine sachgemässe Eigeninitiative in der Gestaltung eines Sequenzteils, was bestätigte, dass er in die eigentliche Qualität der Arbeit hineinzufinden vermochte.
Entwicklungsstufen:
* Zunächst verschwand die Heiserkeit während des Übens, trat im Alltag jedoch weiterhin auf.
* Dann fiel sie auch im alltäglichen Sprechen weg und tauchte lediglich beim Telefonieren auf.
* Vor den Sommerferien ging der Patient schliesslich zu einer Kontrolluntersuchung: Der mehr als 1 Jahr zuvor abgetragene Polyp war nicht wieder nachgewachsen und das prognostisch als ungünstig bezeichnete Kontaktulkus am Stimmband bis auf minime Reste abgeheilt.
* Nach den Sommerferien kam der Patient mit der Nachricht, dass bei einer weiteren Untersuchung die Granulationsgewebe und das Ulkus ganz verschwunden waren und er als symptomfrei entlassen wurde.
Interessant dabei war, dass Herr A. seit Juni geschäftlich voll mit Aufträgen abgedeckt war.

4.1 Befund nach Abschluss der Therapie:
Herr A. konnte aufgrund eines konsequenten regelmässigen Übens bis in das Gewohnheitssprechen hinein eine Entlastung der Stimmbänder erreichen. Das Sprechen in der Ausatmung konnte wesentlich verbessert werden. Durch die aktivere Artikulation wurde die Sprechstimme von hinten nach vorne verlagert und "an die rechte Stelle gerückt".

 

5.1 Therapieempfehlung:
Da die Besserung sich aufgrund eines aktiven Übens entwickelte, sollte dieser Übprozess fortgesetzt werden und in grösseren Zeitabständen (1/2 oder 1 Jahr) durch weitere Übsequenzen ergänzt werden, so dass mit der Zeit der gesamte Lautumfang (und im besonderen die Vokale, welche am engsten mit der Stimme zusammenhängen) gewohnheitsmässig in gesunder Weise ergriffen werden können.

 

6.1 Aus dem Bericht des behandelnden Arztes bezüglich Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Therapie:
Der Patient, der bei Diagnosestellung 34 Jahre alt war, ist mir seit seinem 18. Lebensjahr bekannt. Seine kindliche Entwicklung war weitgehend unauffällig, die schulischen Abläufe ungestört. Im 31. Lebensjahr wurde ein Diabetes mellitus, Typ I festgestellt. Insulin-Therapie und ergänzende Behandlung mit Weleda-Medikamenten. Gute Einstellung des Diabetes möglich, trotz Unregelmässigkeiten während des Studiums und verschiedener Praktika (Architektur-Studium). Im Rahmen der Abklärung wegen zunehmender Heiserkeit wird im Mai 1996 ein Granulationspolyp, verbunden mit einem Kontaktulkus am rechten Stimmband, diagnostiziert. Nach einer ersten Abtragung zu dieser Zeit zeigte sich bei einer Kontrolle 1/2 Jahr später erneut polypöses Wachstum. Die Prognose des behandelnden ORL-Spezialisten ist ungünstig: Mit möglicherweise jahrelangem Weiterbestehen des Kontaktulkus muss gerechnet werden. In dieser Situation wird, neben medikamentösen Massnahmen durch potenzierte und Weleda-Medikamente im Sinne der anthroposophisch ergänzten Therapie, die Therapeutische Sprachgestaltung begonnen.
Die tief in den Gaumenbereich und Hals zurückgezogene, fast gutturale Sprache des Patienten war der äussere Anlass für diesen Therapie-Entschluss. Die Einsicht in die Möglichkeit, auf diesem Wege harmonisierende Gestaltungskräfte anzuregen, bildete das medizinisch-therapeutische Motiv.
Der disziplinierte Patient hat trotz erheblicher beruflicher und familiärer Beanspruchungen und auch trotz des zeitlichen Aufwandes den Therapeuten zu erreichen, regelmässig die Therapiestunden besucht und vor allen Dingen selber regelmässig und intensiv geübt. Das sich im Verlaufe der Wochen und Monate unter der Übungstherapie und begleitender medikamentöser Therapie verbesserte Befinden konnte durch eine abschliessende Untersuchung des behandelnden ORL-Arztes auch objektiv bestätigt werden: Abheilung des Ulkus, kein neues granulomatöses Polypen-Gewebe.
Dieser Verlauf ist, auch im Hinblick auf die fachärztlich geäusserte, nicht sehr günstige Prognose, ausserordentlich erfreulich. Dies umso mehr, als die diabetische Stoffwechsellage eines Patienten bekanntermassen mit verminderten Heilungstendenzen einherzugehen pflegt. Weitere operative Massnahmen, so eine in Erwägung gezogene Laser-Therapie, konnten verhindert werden. Die klarere Sprechfunktion wirkte sich auch auf den beruflichen Alltag im Sinne eines kräfteschonenderen Einsatzes stimmlicher Mittel aus. Der Patient ist ausgeglichener als vorher und voll arbeitsfähig.