Zunehmender Schmerzmittelabusus bei chronischen Kopfschmerzen

Patientin, 49 Jahre

Diagnose: Zunehmender Schmerzmittelabusus bei chronischen Kopfschmerzen.
Martina Lempelius, Dr. med. Pieter J. Wildervanck, Frau X


1.1 Allgemein:
Gelernte Pharma-Assistentin, seit 25 Jahren verheiratet, seitdem Hausfrau und Mutter von nun drei erwachsenen Kindern (19, 21, 23 Jahre). Überweisung durch das Kantonsspital Liestal)

 

1.2 Behandlungsdauer:
23 Therapieeinheiten stationär à 30 Minuten, verteilt über 5 Wochen; sieben Therapieeinheiten ambulant. Beobachtungszeitraum zunächst zehn Wochen.


2.1 Ersteindruck:
Die Patientin zeigt wenig Ausdruck, keine äussere und innere Spannung; sie wirkt weich und schwer, hat wenig Muskelspannung im Körper. Der Gang ist langsam und bedächtig, ihre Haltung in sich zusammengesackt. Man hat von ihr meistens den Eindruck, dass sie nur steht ( bei pyknischer Konstitution). Ihre Erscheinung hat etwas kindliches. Der Gesamteindruck ist blass und grau, auch die Kleidung. Das Gesicht wirkt farblos, etwas aufgedunsen. Sie trägt füllige, lange, graue, wellige Haare, einmal zum Schwanz zusammengebunden, ein anderes Mal hochgesteckt. Die Atmung ist flach, die Einatmung überbetont. Sie spricht kurze Sätze. Einen Händedruck gibt es nicht. Die Hand bleibt beim Begrüssen weich und unbeteiligt. Ihre seelische Stimmung ist introvertiert, der Klang der Stimme gleichförmig. Die Patientin wartet ab, es geht keine Aktivität von ihr aus, ausser einer freundlichen Offenheit für eine mögliche Hilfe durch die Therapie. In der sozialen Kontaktaufnahme ist sie tastend und vorsichtig. Sie kann der Aussenwelt nur schwer Eigenes entgegensetzen - ist zu "offen" für alles, was von aussen an sie herantritt. Es zeigt sich eine hingebungsvolle, aufopfernde Gemütsart, die an ihre Grenzen getrieben zu sein scheint.

 

2.2 Biographische und medizinische Aspekte:
Stationäre Einweisung ins Kantonsspital Liestal (KSL) wegen zunehmendem Schmerzmittelabusus bei chronischem Kopfschmerz psychosomatischen Ursprungs. Seit August 1999 intensive Kopfschmerzen mit der Folge übermässiger Analgetikaeinnahme. Ab Mitte November 1999 bis kurz vor Weihnachten 1999 in der Ita Wegman - Klinik. (Die Patientin war im November 1998 schon einmal im KSL hospitalisiert und wurde mit deutlicher Symptomatikverbesserung entlassen).
Heute: Migräneartige Kopfschmerzen mit allen Begleitleiden: Schwindel, Augenflimmern, Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit, chronische Nackenschmerzen, chronische Bauch- und Verdauungsbeschwerden (Wechsel von Obstipation und Diarrhöe), Einschlafen von Fingern und Füssen, kalte Hände und Füsse.
Der chronische Kopfschmerz führte zu einer ängstlich - depressiven Entwicklung mit vorübergehenden Suizidgedanken. Permanente Müdigkeit.
Psychische Probleme verdrängt sie, staut alle Sorgen und geht den Auseinandersetzungen aus dem Weg. Sie leidet unter unausgesprochene Ängsten (z.B. im Dunkeln) und hat zuletzt als Kind geweint. Die chronischen Kopfschmerzen bestehen seit ihrem 15. Altersjahr, die Obstipation seit der Kindheit. Sie hatte zwei Lungenentzündungen und rezidivierende Sinusitis. Im Alter von 37 Jahren Hysterektomie. 1996 litt sie unter starken Gelenkschmerzen, die durch eine homöopathische Behandlung fast vollständig ausgeheilt waren. In der Ita Wegman-Klinik hat sie ersten Kontakt mit Therapeutischer Sprachgestaltung.

 

2.3 Sprachtherapeutische Diagnose:

Haltung:
Langsames, bedächtiges, tastendes Gehen. Die Gestalt ist weich, in sich etwas zusammengesackt. Der Auftrieb ist schwach. Die Haltung hat einen passiv - abwartenden, zurückgenommenen Charakter. Beim Laufen der Übungen zeigt sich ein fast schwebender Gang. Die Patientin gerät dabei ab und zu aus dem Gleichgewicht. Sie hat wenig Gestik von sich aus, der Muskeltonus ist sehr schwach.
Atmung:
Die Sprache kann durch den Atem nicht in die Tiefe und Weite geführt werden. Der Atem bleibt im oberen Menschen stecken und führt zu einer etwas stockenden Sprachführung. Die Einatmung ist überbetont. Die Atemkapazität umfangreich, nur gar nicht ausgelastet.
Stimme:
Die Stimme ist gleichförmig, wenig moduliert, der Stimmkern im Hintergrund - zurückgezogen, der Stimmeinsatz vorwiegend weich. Die Stimmkonstitution wirkt von Natur aus kräftig, aber zeigt sich nicht ihrer Natur gemäss, sondern zurückgehalten.
Artikulation:
Die Sprache imponiert als wenig geformt. Der Artikulation fehlt eine gesunde Dichte. Die Lautbildekraft der Konsonanten ist geschwächt. Das "W" sehr trocken und nicht mit dem Atemstrom verbunden. Das rollende "R" fällt der Patientin nicht leicht, ihr "G" bleibt im Gaumen stecken und löst sich nur schwer in den Atem hinein.
Denken:
Sehr geschwächtes Konzentrationsvermögen und Kurzzeitgedächtnis mit einem nur langsamen Auffassungsvermögen beim Vorsprechen neuer Übungen und Texte. Sie spricht eher langsam.

 

3.1 Therapieziel:
Die Therapeutische Sprachgestaltung soll der Patientin helfen, ihre Ich-Organisation besser im unteren Menschen zu verankern und dort Wärmeprozesse anzuregen, die offenbar seit der späteren Kindheit nicht genügend eingegriffen haben (Siehe 2.2). Dies könnte über Vertiefung und Konzentration der Atmung zum Kraftpol und durch geformte, dichte Konsonantenbildung geschehen. Solche aktiv geformten Konsonanten würden helfen, die Nerven-Sinnesorganisation von überschiessenden Stoffwechsel-prozessen zu befreien und dem Kopfpol seine gesunde Abbautätigkeit zu ermöglichen.
Ein wichtiges Ziel ist weiterhin, der Patientin das Vertrauen in ihre Selbstheilungskräfte zurückzugeben. Solches Vertrauen würde helfen, von der Ich-Organisation aus die Seele in eine gesunde Verbindung zum Körper zu bringen, indem sie den Willen neu ergreifen und einsetzen kann.

 

3.2 Therapieverlauf:
Es gab in der bisher durchgeführten Therapiezeit zwei grössere Arbeitsphasen:
Hier wurde angestrebt, die Lautbildekräfte formend-plastisch zu verdichten, den Atem zu bündeln und in eine erste Vertiefung zu führen.
Die Übungen wurden zunächst begleitet von verdichtenden, körpernahen Gebärden. Bei "Nimm nicht Nonnen" ergab sich die begleitende Geste des "sich Absetzens", der Verneinung; bei den "M" - Übungen wurde die Patientin angehalten, ihre beiden Hände zu fassen und in steigendem Rhythmus gegeneinander zu drücken. Dies regte die Wärmebildung an und in ihrer Sprache wurde sofort eine bessere Durchdringung des Körpers hörbar. Bei den kräftigen Stosslautübungen wurde das Ergreifen konturierter Worte erarbeitet. Bei "Ketzer petzten" wurde die begleitende Geste bis in die Verdichtung zur Faust geführt, die auf Höhe des Zwerchfells (dem Bereich der Tiefenatmung) vor jedem einzelnen Wort geballt und dann während dem Aussprechen der einzelnen Worte wiederum gelöst wurde.
Schwer fiel der Patientin anfangs, die Übungen sogar beim Nachsprechen zu behalten. Daher mussten diese viel wiederholt und längere Texte noch zurückgestellt werden.
Von Anfang an war die Patientin nach fünf bis zehn Minuten beschwerdefrei. Dieser Zustand konnte sich in den ersten drei Wochen nach der Therapie zunächst nicht lange halten. Dadurch, dass die Patientin auch ausserhalb der Therapiestunden sich innerlich mit dem Behandelten weiterbschäftigte, war es ihr möglich, selbständig hier und da eine kleine Aufhellung ihres Zustandes zu erreichen.
Die Übungen wurden mehr und mehr vertieft und der Atem bekam mehr Fundament. Die Patientin übte bald selbst zwei- bis dreimal am Tage, und es stellten sich bald mehrstündige Schmerzpausen ein; ab der dritten / vierten Woche blieb die Patientin nach der Therapie meistens eine bis drei Stunden schmerzfrei. Durch die regelmässige, wiederholte Wirkung der Sprachtherapie entwickelte sich aus zunächst ungewisser Hoffnung ein leises Vertrauen in die eigenen Selbstheilungskräfte.
Hier wurde das Geübte gefestigt. Die Patientin konnte die Übungen nach und nach auswendig, was ihr zusehends innere Sicherheit gab.
Einige hinzukommende Übungen sollten den Atem nun in einen Strom hineinführen, wodurch die Patientin die eigene Stimme einerseits in einen warmen, vollen Klang bringen konnte und andererseits sprachliche Bewegungserlebnisse im Atem möglich wurden. In der Übung "Kurze knorrige" wiederholte sich das Üben des kräftigen Stosslautes "K" in Verbindung mit dem "N", durch welches die Stimme nach vorne geholt werden konnte; im zweiten Teil der Übung wurde der warme Sprachstrom durch die Nasallaute wiederholt und versucht, das Sprechen in einen fliessenden Atemstrom überzuführen.
Dann konnte der reine Vokalklang im "O" gewagt werden, das ein starkes, hingebungsvolles Hineinträumen in Atem, Stimme und Seele entstehen liess und jedes Mal mit dem "M" sauber abgeschlossen wurde.
Mit "voll Lob" sollte die runde, volle, den Atem umfassende Stimme ergriffen werden, und in der Übung "Sturmwort" der Atemstrom ganz in die Bewegung gebracht werden.
Im weiteren Verlauf der Therapie gab es bald auch ganze kopfschmerzfreie Tage.
Die Patientin entwickelte der Therapie gegenüber eine zunehmende Ernsthaftigkeit und beteiligte sich immer aktiver am Prozess. Ihr Gesamteindruck war geformter. Der Körper, vor allem das Gesicht, wirkten weniger aufgedunsen. Die Patientin übte weiterhin zu Hause täglich ein- bis zweimal und wurde selber bald sicherer in der Handhabe der Übungen. Nach diesen zehn Wochen Sprachtherapie fuhr die Patientin zwei Wochen in die Ferien.

 

4.1 Befund nach Abschluss der stationären und ersten ambulanten Therapiephase:
Da die Kontinuität des schmerzfreien Gesundheitszustandes noch nicht hergestellt ist und es immer wieder zwischendurch auch recht schlechte Tage gibt, wird die ambulante Therapie weitergeführt, um im Sinne des obengenannten Therapiezieles nachhaltiger auf die gesunde, vertrauensbildende Verbindung der Seele mit dem Körper hinzuwirken. Dies geschieht vor allem durch Vertiefung und Weitung des Atems und Stärkung der Konzentration und damit des Gedächtnisses. Parallel wird auch die Heileurythmie weitergeführt. Beide Therapien sind für die Patientin z.Zt. Zentrum ihres Gesundungsprozesses.
In den letzten beiden Wochen vor ihren Ferien fiel auf, dass sie sich farbenfroher und heller kleidete. Sie äusserte, dass es ihr Ziel sei, wieder eine halbtägige Arbeit zu suchen, sobald sich ihre Gesundheit stabilisiert habe.
Für die Patientin wird das wichtigste Ziel sein, sich durch gestärkte innere Sicherheit und Selbstvertrauen ihren eigenen freien Lebens- und Arbeitsbereich neu zu erobern.

 

5.1 Aus dem Bericht der Patientin ca. 9 Monate nach Therapiebeginn:
Seit über 20 Jahren leide ich an Kopfschmerzen und Migräne. Ich war bei mehreren Ärzten und auch im Spital. Alles half nichts. In der Ita-Wegman-Klinik verordnete mir der Arzt Sprachgestaltung. Nach der ersten Therapie merkte ich schon, es hat nichts mit Sprachfehlern zu tun, sondern bedeutet das Sprechen in die Tiefe des Körpers hinunter und nicht nur bis zur Brust. So lernte ich immer mehr den Stau im Kopf und im Körper mit dem Sprechen zu lösen. Nach den ersten Stunden waren die Kopfschmerzen dann schon für 15 Min. weg. Nach 2-3 Wochen sogar schon für 30 Minuten. Dies war ein grosser Erfolg für mich. Jetzt bleiben sie, wenn ich zu Hause übe, 30 Minuten weg, nach einer Therapie 7-8 Stunden. Auch die Schmerztabletten werden immer weniger. Im Moment sind es innert 2 Wochen nur noch 4 Tabletten. Mit den Sprachübungen lerne ich immer mehr das "Ich" zu spüren und um mich herum einen Schutz zu bauen. (...) Ich bin ganz überzeugt, dass ich mit der Zeit die Kopfschmerzen und die psychischen Beschwerden mit der Sprachgestaltung zu Hause für mehrere Stunden "wegzaubern" kann.


6.1 Aus dem Bericht des behandelnden Arztes bezüglich Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Therapie:
In Bezug auf Frau X. kann ich folgende Angaben machen:
Die Patientin wurde uns stationär, nach ausführlichen wiederholten Abklärungen wegen chronischer Kopfschmerzen und Schmerzmittelabusus, eingewiesen. Mittels Konsilien und Untersuchungen waren organische Ursachen weitgehend ausgeschlossen, und wir stellten die Diagnose einer schweren somatoformen Störung bei depressiver Entwicklung mittleren Grades und abhängiger Persönlichkeitsstörung.
Die Prognose für eine vollkommene Heilung bei Persönlichkeitsstörungen ist in der Regel schlecht, da diese Störungen weder psychotherapeutisch noch pharmakotherapeutisch leicht zugänglich sind. Ausser den anthroposophischen Medikamenten machte die Patientin Sprachgestaltung und Heileurythmie. Wir konnten unmittelbar alle allopathischen Schmerzmittel absetzen, die Patientin gewann Selbstwertgefühl und verbesserte sich erstaunlich. Sie wurde nach der Entlassung, unter belastenden sozialen Umständen, teilweise rückfällig. Jetzt sind die Fortschritte langsamer, aber der Schmerzmittelverbrauch ist auf 1/3 reduziert und die Erfolgserlebnisse, auch für die Patientin, eindeutig. Durch die Therapeutische Sprachgestaltung gewinnt sie zunehmend "Gestalt". Sie ist sicherer und ihre Kopfschmerzen eindeutig besser. Sie hat gelernt, die Übungen selber zu machen und weiss sich damit zu helfen, statt nach Schmerzmitteln zu greifen.
Erstmals kann sie sich genügend konzentrieren um Gedichte zu memorisieren was für sie ein Schritt in der Zurückgewinnung des Selbstvertrauens ist. Die Auswirkungen im Sozialen sind u.a.: Bessere Arbeitsfähigkeit, selbständig telefonieren (was sie vorher nie tat), ihren Willen durchsetzen u.s.w.
Es ist eindrücklich, dass man u.a. durch Therapeutische Sprachgestaltung einen Zustand (Persönlichkeitsstörung) behandeln kann, der für herkömmliche Behandlungsmodalitäten schwer zugänglich ist. Die Kosteneffizienz ist im gegenwärtigen Stadium noch schwer mit Zahlen zu belegen, da die Patientin noch regelmässige Begleitung braucht. Da sie aber Übungen lernt, die sie auf Dauer auch ohne Therapeutin durchführen kann, bin ich ganz sicher, dass wir durch die Therapie unnötige und steigende Medikamenten und Hospitalisationskosten bei dieser Patientin einschränken können.