Hydocephalus internus

Patient, Jahrgang 1946

 

Diagnose: Hydrocephalus internus.
Dr. med. Caroline Rosengarth, Dr. med. Wolfgang Rissmann, Peter Meyer

1.1 Behandlungsdauer:
24 Therapieeinheiten, 4x wöchentlich im Rahmen eines 7wöchigen stationären Aufenthalts in der Friedrich-Husemann-Klinik, Buchenbach (D).


2.1 Ersteindruck:
Der Patient schaut während der ersten Therapieeinheit ständig nach seiner Uhr - das Üben scheint ihm aber nach kurzer Zeit großen Spaß zu machen. Er lacht viel und ist sehr motiviert, klagt aber immer wieder über anhaltenden Kopfdruck und Sehstörungen mit Doppelbildern. Er wirkt etwas distanzlos, hat eine deutliche Konzentrationsschwäche und ist räumlich schlecht orientiert. Es fällt auch eine leichte Gangataxie mit Unsicherheit und Fallneigung auf.


2.2 Biographisches
Seit 15 Jahren Hydrocephalus internus (progressiv); vor 5 Jahren Shunt - mehrmals OP wegen Funktionsproblemen, vor 2 Jahren wieder stillgelegt; von den Ärzten als "hoffnungslos" aufgegeben; zeitweise depressiv; seit 3 Jahren berentet. Der Patient hat sich scheiden lassen, seine 4 Kinder leben bei der Mutter. Er wandert viel, achtet auf gesunde Ernährung und bewusste Lebensführung und kennt den Verlauf seiner Krankheit genau.


2.3 Sprachtherapeutische Diagnose:
Haltung
Kopflastige, vorgebeugte Haltung. Starke Gleichgewichtsstörungen mit Unsicherheit und Fallneigung, die er durch schnelles Gehen zu kompensieren versucht.
Atmung
Sehr großes Atemvolumen: die eingeatmete Luft wird beim Sprechen nicht völlig verbraucht, dadurch starre, asthmaähnliche Thoraxstellung.
Stimme
Kräftige Stimme mit starker vokalischer Färbung.
Artikulation
Allgemein schlechte Artikulation, auffällig der Laute S (stimmhaft und scharfes SS nicht möglich) und W (geblasen mit Vibration der Lippen nicht möglich)
Denken
große Merkschwierigkeiten und Konzentrationsschwächen


3.1 Therapieziel:
Gedächtnis stärken, Gleichgewicht üben
Stimmung aufhellen


3.2 Therapieverlauf:
Verwendete Übungen und Texte:
Nimm nicht Nonnen in nimmermüde Mühlen
Mäuse messen mein Essen
Kurze knorrige knochige Knaben / Knicken manchem Männchen / Manchmal manchen Knorpel
Sieh silberne Segel auf fließendem Wasser
Zuwider zwingen zwar / Zweizweckige Zwacker zu wenig / Zwanzig Zwerge / Die sehnige Krebse / Sicher suchend schmausen / Das schmatzende Schmachter / Schmiegsam schnellstens / Schnurrig schnalzen
Walle Welle willig / Leise lispeln lumpige Lurche lustig
Richtig recht rechnen / Lehre liebt Leben / Mut machen mir mutige Menschen-massen
A-Hexameter (Martens):
An den Gestaden von Argos trafen sich abends die Alten
Wandelten lange am Strande und sprachen vom Gange des Tages
Sangen von Taten der Ahnen und Allem was bald sie erwartet
Daraus erstand ihnen Klarheit und Kraft für ihr Schaffen und Raten
Wandernde Stille (Christian Morgenstern)
Metamorphose der Pflanzen (J.W. Goethe)
Das Schöne bewundern (R.Steiner)
Die Therapieeinheiten gliedern sich jeweils in drei Teile:
1. Das Gedicht von Chr. Morgenstern wird rhythmisch als Atemübung abgeschritten. Es nimmt mit seinem 8hebigen Trochäus eine Sonderstellung in der Dichtung ein und zeichnet sich durch die Länge der Zeilen aus (Wie die Stille übers weite Wasser hergewandert kommt). Trochäus heißt "der Schreitende" und so soll der Fuß in jeder Länge bewusst aufgesetzt werden, die Zeile auf eine Ausatmung gesprochen und dabei die Luft aus den Lungen vollständig verbraucht werden. Dem Inhalt des Gedichts entsprechend soll der Schritt ruhig und langsam erfolgen.
Gleichzeitig wird das Gedächtnis durch das Nachsprechen der langen Zeilen geübt.
2. Lautübungen:
Durch das Aussprechen und starke Artikulieren der Laute M/N und K/N in den oben genannten Übungen soll eine leichte Vibration im Kopfbereich erzeugt werden. Diese wirkt über den Schädelknochen bis ins Gehirn, wodurch der Liquorüberdruck verringert werden soll. Auch diese Übungen werden langsam abgeschritten, so dass gleichzeitig Bewusstsein in den Füßen entsteht.
Anschließend folgen meist Übungen mit stimmhaftem und scharfem S - oder Lautverbindungen wie Z/W, S, SCH/M, SCH/N (in der Übung "Zuwider zwingen zwar"). Zahnlaute (S, Z, SCH) wirken nach Rudolf Steiner direkt auf das Kopfge-biet ein, W, M, N erzeugen wieder die gewünschten Vibrationen.
Abschließend für diesen Teil erfolgt immer die Übung "Walle Welle willig" - hier geht es mir hauptsächlich um die Qualität des L als Repräsentant des Flüssigen, wir ahmen dabei die Bewegung einer strömenden Welle im Gehen nach und W zur Verbesserung der Artikulation. Alle Übungen werden immer 3- 15x wiederholt.
3. Rhythmisches Schreiten des Distichon (Hexameter/Pentameter im Wechsel) "Die Metamorphose der Pflanzen". Der Patient soll sich ganz auf den Rhythmus einlassen und sich dabei weniger auf den Text konzentrieren (Ich spreche immer die Halbzeile vor, schreite dabei die Längen ab und bleibe in der Zäsur stehen, worauf der Patient mir nachsprechend folgt).
An dieser Stelle wähle ich auch im Wechsel den A-Hexameter - hier geht es mir um den Rhythmus in Verbindung mit dem A-Laut, der jedes Mal in den Längen der Dactylen erklingt. Das Aussprechen des A fördert nach Rudolf Steiner das Wohlbefinden im eigenen Leib und wirkt krampflösend.
Später nehmen wir uns an dieser Stelle auch vermehrt die Übung "Richtig recht rechnen" vor. Diese therapeutische Übung wurde von Rudolf Steiner "zum Zurechtrücken des Astralleibs" gegeben (Harmonisierung im Seelischen). Die Lautfolge R (Luft), L (Wasser), M (Erde) wirkt dabei inkarnierend.
Oft sprechen wir am Schluss den Spruch "Das Schöne bewundern". Dabei lassen wir uns wieder ganz auf den schwingenden Rhythmus ein (Amphybrachus) und bewegen dazu einen Arm mit.
Der Patient ist von Anfang an sehr motiviert, lässt sich auf die für ihn völlig neue Art des Sprechens der Laute ein und findet speziell die Übung "Nimm nicht Nonnen" sehr lustig - wiederholt sie gerne mehrmals nacheinander; nach dem Sprechen lacht er jeweils. Dies kann Ausdruck des Lebenssinn sein - vielleicht weil er durch die leichten Vibrationen im Kopfbereich (N/M) eine wohltätige Wirkung empfindet
4.1 Befund nach Abschluss der Therapie:
Auffällig ist, dass sich die Gleichgewichtsstörungen zunächst beim Hexameter-Sprechen und -Schreiten signifikant verbessern - im Verlauf der 7-wöchigen Therapie fast vollständig ausbleiben. Der Patient kann zum Sprechen der Übungen und Texte langsam und sicher geradlinig vorwärts schreiten, sich aber auch schwingend vor und zurück bewegen. Darüber ist er sehr erstaunt. Die Koordination der Bewegungen ist deutlich besser geworden (Bewegungen sollen der Sprache voraus gehen).
Die Artikulation (S/W) hat sich verbessert und der Patient hat gelernt, die eingeatmete Luft beim Sprechen vollständig zu verbrauchen - beides kann sich positiv auf den Überdruck im Kopfbereich auswirken.
Auffällig ist auch die gesteigerte Merkfähigkeit und Konzentration und der Patienten klagt beim Abschluss der Therapie kaum mehr über Kopfdruck.
Subjektiv empfindet er, dass ihm die Sprachgestaltung während des Klinikaufenthalts am meisten geholfen hat und er sucht nach Möglichkeiten, die Sprachtherapie extern fortzusetzen.

5.1 Therapieempfehlung:
Ich kann die Absicht des Patienten, die Therapie extern weiterzuführen, nur unterstützen und vermittle ihm Adressen in seinem Wohngebiet, hat er doch neben den oben erwähnten erfreulichen Verbesserungen wieder deutlich mehr Lebensmut und Freude entwickelt um mit seiner schweren Krankheit zu leben.


6.1 Aus dem Bericht des behandelnden Arztes bezüglich Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Therapie:
Von ärztlicher Seite fiel auf, dass im Verlauf der Behandlung die Stimmung sich kontinuierlich aufhellte, die Verlangsamung von Antrieb und Denken traten mehr und mehr in den Hintergrund. Auffallend war, mit welch großer Freude und Motivation der Pat. die Therapieeinheiten der Sprachgestaltung wahrnahm und von diesen in den darauf folgenden ärztlichen Gesprächen berichtete. Er selbst konnte an sich beobachten, dass die Konzentrationsfähigkeit zunahm sowie Denken und Sprache flüssiger und klarer wurden.
Des weiteren beobachtete er, dass die Gleichgewichtsstörung mit Fallneigung und Schwanken während der Therapieeinheiten deutlich zurückgingen und auch im Anschluss an die Therapieeinheiten die Besserung anhielt. Zum Entlassungszeitpunkt wurde von ärztlicher Seite deutlich, dass der Patient tatsächlich eine Aufklarung von Denken, Sprache und Konzentrationsfähigkeit erreicht hatte. Aufgeklart waren auch die Stimmung, die Schwingungsfähigkeit und die Gleichgewichtsstörungen waren deutlich gebessert. Der Patient erlebte die Sprachgestaltung als große Hilfe und Chance, mit seinem Beschwerdebild auch in Zukunft Hilfen zu erhalten, er plante an seinem Heimatort, die Therapie der Sprachgestaltung fortzuführen.
Vor dem Hintergrund des schweren Krankheitsbildes sowie der langen Beschwerdeverlaufzeit erscheint der Erfolg der Sprachgestaltung über eine nur 7-wöchige Behandlungszeit erstaunlich.
Hilfen von allopathisch medikamentöser, psychotherapeutischer und anderer therapeutischer Art konnten in den vergangenen Jahren bei dem Pat. lediglich eine leichte Verbesserung des Allgemeinzustandes erreichen (so z.B. durch die jährlich durchgeführten Kuren).
Durch die Sprachgestaltungstherapie scheint dem Pat. eine Unterstützung gegeben zu sein, durch die er auf lange Sicht eine deutliche Beschwerdebesserung bzw. Beschwerdefreiheit erzielen kann. Somit war die Verordnung der Sprachgestaltung aus meiner Sicht für diesen Pat. sinnvoll und segensreich. Im Hinblick auf seine Zukunft eine Chance mit dem schweren Krankheitsbild mit wieder mehr Lebensfreude zu leben.