Kolitis ulcerosa

Patientin, 43 Jahre

Diagnose: Kolitis ulcerosa
Dietrich von Bonin, Dr. med. Andreas Giger, Frau X


1.1 Behandlungsdauer:
22 Therapieeinheiten, 30 Minuten wöchentlich. Später weitere Auffrischungs-Blöcke verschiedener Länge. Beobachtungszeitraum 8 Jahre.

 

2.1 Ersteindruck
Zögernde Patientin mit hölzernen Bewegungen. Man hat den Eindruck, als ob die Sprache an ihr kleben würde, sie öffnet den Mund wenig. Kommt, weil der Arzt sie geschickt hat. Eine Persönlichkeit, die sich selber zurücknimmt.

 

2.2 Biographische und medizinische Aspekte:
Starke Abgrenzungsschwierigkeiten. Ihr Mann reklamiere ständig über angebliche Unordnung im Haushalt, obwohl sie eine ordentliche Frau ist. Sie habe grosse Entscheidungsprobleme. In der 1.Klasse wurde sie zur Strafe auf die Fingerknöchel geschlagen, wenn die Aussprache nicht richtig war. Dadurch zunächst gestörtes Verhältnis zur Sprache. Hysterische Konstitution. Die Patientin bekam ab 30 Jahren wiederholte Durchfälle, beginnend nach der Geburt des 1. Kindes. Lange keine pathologischen Veränderungen des Kolons. Mit 40 Jahren Diagnose einer subakuten Kolitis ulcerosa. Nach weiteren 3 Jahren starker Schub mit blutigen Durchfällen und Gewichtsverlust von 6 kg. Aufenthalt in der Ita-Wegman Klinik. Dort erster Kontakt mit Therapeutischer Sprachgestaltung. Medikamente: Salofalk® und anthroposophische Präparate. Zur Kolitis kam eine Anämie, die vom zuweisenden Arzt als weitere Indikation für Sprachgestaltung gewertet wurde.

 

2.3 Sprachtherapeutische Diagnose:
Haltung:
Steif, aufrecht, zögerndes Schreiten. Beobachtend, misstrauisch. Gelaufene Rhythmen militärisch starr. Schwierigkeiten, in Gesten zu gehen. "fremdes" Verhältnis zu den Gliedern.
Atmung:
Stockende Hochatmung mit geringer Amplitude. Die Sprache kann durch den Atem nicht ergriffen und hinausgeführt werden.
Stimme:
Unmoduliert, monoton. Zuerst überhaucht, später auf Verlangen gleichmässig laut. Sie empfindet nichts beim Selber-Sprechen, nur wenn sie Dinge vorgesprochen bekommt.
Artikulation:
Zuerst alle Konsonanten schwach. Durchgehend auffällig die unplastischen Lippenlaute. Das W wurde lange falsch, d.h. mit beiden Lippen gebildet.
Denken:
Gegensatz zwischen sehr feiner Sprachwahrnehmung (- in Italien habe sie wie eine Italienerin intoniert -) und sehr schlechtem Auswendiglernen. Die Verbindung zum Ätherleib schien gestört. Sonst eine intelligent formulierende, differenzierte Frau.

 

3.1 Therapieziel
Ihr eine neue Möglichkeit geben, die Sprache und damit das Seelische mit dem Körper zu verbinden. Dadurch soll sie die Abgrenzung gegenüber ihrem Mann lernen. Den Astralleib soweit stärken, dass er seine gesunde Polarität im Körper zusammen mit der Ich-Organisation wieder zurückerhält, und die auflösende Tätigkeit im Stoffwechsel beenden kann. Sprachlich bedeutete dies, die Stimme an den Konsonanten (Stosslaute) als Ausdrucksmittel ihrer selbst zu erleben. Dem Atem seine Weite zurückgeben.

 

3.2 Therapieverlauf:
Es wurden vor allem 2 Wirkungsarten verwendet:
Eine formend-plastische Sprache während der Kolitis-Schübe.
Diese Übungen wurden von konzentrierten, körpernahen Gesten und entsprechenden Schritten begleitet. Besonders ein spürendes Stützen der Hände auf die Hüften bei der Übung: "Ganz kurze..." erwies sich als wirksam. Mit diesen Übungen gelang es der Patientin nach der ersten Therapiephase, die besonders bei seelischen Belastungen auftretenden Kolitis-Schübe immer schneller in den Griff zu bekommen. Durch diese Erfahrung bekam sie Vertrauen in ihre Selbstheilungskräfte und konnte der Angst vor einer erneuten Verschlechterung immer erfolgreicher entgegentreten. Im Beobachtungszeitraum von 5 Jahren gingen die Schübe immer weiter zurück, und sie konnte bei den ersten Anzeichen längerer Durchfälle mit den erwähnten Übungen die Dynamik immer früher unterbrechen.

Eine ausstrahlend-kräftige Reihe, die ihr Durchsetzungsvermögen und die Abgrenzung stärkte:
Im Weiteren leiteten wir die Therapie oft mit geschrittenen Distichen (Hexameter) ein. An Gedichten wurde geübt: Vermächtnis (R. Hamerling), Heliand (Stabreimdichtung aus dem Mittelalter), Steht ein Kirchlein im Dorf (R. Reinick). Türmerlied aus "Faust" (J.W.Goethe). Texte zu den Temperamenten.
Die Patientin übte von Anfang an konsequent während der Schübe. Nach 2 Jahren mit kurzen Therapieintervallen zur Auffrischung (ca.4x jeweils), kam sie auch längere Zeiten ohne Sprachgestaltung aus. Sie konnte aber im Beobachtungszeitraum von 5 Jahren immer wieder auf die gelernten Elemente zurückgreifen oder nahm in ca. jährlichem Abstand wieder einige Stunden.

 

4.1 Befund nach Abschluss der Therapie:
Frau X. erlebte die Therapie als zentrales Element der ganzen anthroposophischen Behandlung. Sie habe gelernt, die zur Krankheit führenden Tendenzen in sich zu erkennen und mit Hilfe der Sprachgestaltung immer wieder zu überwinden. Daraus gewann sie Ich-Stärkung, mit der sie bald auch ihrem Mann gegenüber souveräner auftreten konnte.("Ich habe erkannt, dass vieles sein Problem ist...") Trotzdem wollte und konnte sie ihre Ehe und das Familienleben aufrecht halten und sah in den gut gedeihenden Kindern ihre Entschlüsse bestätigt. Heute plant sie auch beruflich eine neue Ausrichtung, nachdem sich ihr Mann frühzeitig pensionieren liess. Sie entwickelte ein lebhaftes Interesse für Dichtung und Sprache und begann sich auch theoretisch mit der Therapie auseinander zu setzen.

 

5.1 Bemerkungen, Therapieempfehlung:
Besonders interessant war hier die notwendige formende Arbeitsrichtung während der Schübe und die mehr ausstrahlende Sprachführung dazwischen. Rudolf Steiner spricht im Vortrag vom 28.8.1923 (GA 319) für den Astralleib und die Ich-Organisation von deren notwendiger Polarität im oberen und unteren Menschen. Dies bedeutet: Eine ausstrahlende ("antimonisierende") Tätigkeit im oberen, bewussten Menschen hat eine abrundende ("albuminisierende") im unbewussten, unteren Menschen zur Folge und umgekehrt. Im Falle des Typhus, in dessen erweiterten Formenkreis die Kolitis gerechnet werden kann, seien die ausstrahlenden Kräfte im unteren Menschen zu schwach geworden, was im oberen einer zu schwachen Formkraft entsprechen würde. Dieses Bild trat typisch bei dieser Patientin auf. Sie konnte die Lippenlaute kaum formen und die abrundenden Gaumenlaute waren ohne Kraft. Die therapeutische Ratio war also, die abrundenden Formkräfte im oberen Menschen sprachlich zu stärken, was mit der ersten Reihe von Übungen angestrebt wurde. In den schubfreien Zeiten zeigte sich dann die therapeutische Notwendigkeit, sprachlich das umgekehrte Prinzip anzuwenden. Dies ergab sich nicht aus Überlegungen, sondern aus der Wahrnehmung der Patientin. In Zukunft wäre eine Erweiterung des künstlerischen Erlebens durch Mal- oder Musiktherapie möglich.


6.1 Bericht der Patientin, 5 Jahre nach Therapiebeginn:
Durch die Sprachgestaltung, mit der ich erstmals in der Ita-Wegman Klinik konfrontiert wurde, bekam ich vor allem innere Stärke. Mein ausgesprochenes Harmoniebedürfnis lies es vorher nicht zu, Spannungen auszuhalten. Mir fehlte die Kraft dazu. Durch die gewonnene Ruhe lernte ich mich nach aussen besser abzugrenzen. Dies erlaubt mir wiederum, mehr auf meinen Körper zu hören und auch regelmässig, ohne schlechtes Gewissen, z.B. eine Mittagspause einzuschalten. Meine Durchfälle, die damals 4-6x pro Jahr kamen und jeweils 4-8 Wochen dauerten, kenne ich nicht mehr.

 

7.1 Aus dem Bericht des behandelnden Arztes zur Situation der Patientin nach 8 Jahren in Bezug auf Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Therapie:

Zur Anamnese:
Im Alter von 30 Jahren, um die Zeit der Geburt ihres ersten Kindes, zeigten sich erste Symptome einer Kolitis mit wässrigen Durchfällen und Bauchkrämpfen. Seither gab es Schübe die teilweise mit Salofalk®, zuerst auch mit Prednison® behandelt werden mussten. Die Therapeutische Sprachgestaltung begann im Alter von 43 Jahren, nachdem wegen eines Kolitisschubes mit blutigen Durchfällen, starker Zunahme der Stuhlfrequenz und massivem Gewichtsverlust(>6Kg) eine Hospitalisation notwendig geworden war.
In der Folge nahmen unter einer anthroposophisch orientierten Begleitmedikation die notwendigen Konsultationen zunehmend ab. In den letzten Jahren habe ich die Patientin nur noch sporadisch gesehen. Treten leichte Durchfallschübe auf(<1x pro Jahr) so hat die Patientin gelernt damit umzugehen, nimmt vorübergehend Salofalk® Tabletten (1-3x tgl.) dazu Bolus alba und Antimonit D6 - Cichorium D3 - Belladonna D6 Tropfen. Hauptsächlich (siehe oben) intensiviert sie die schubspezifischen Sprachübungen und kann damit die seltenen Durchfallschübe seit Jahren selbständig abfangen.
Dies ist nach der langen und schweren Anamnese, sowie verschiedenen früheren Therapieversuchen bei mehreren Ärzten, doch ein erfreulicher Verlauf, der für die Kostenträger auch aus wirtschaftlichen Gründen interessant ist.